Bedürfnisse mitteilen – Wie Du Deine Bedürfnisse richtig kommunizierst

Eigene Bedürfnisse kommunizieren, sodass diese richtig verstanden werden, ist in der Tat nicht ganz einfach. Über eine empfängergerechte Kommunikation in der Beziehung hast Du bereits im ersten Teil dieser Reihe im Artikel „die fünf Sprachen der Liebe“ einiges erfahren.

Nun geht es in diesem zweiten Teil darum, wie Du Deine Bedürfnisse richtig kommunizierst. Deine Bedürfnisse richtig mitzuteilen hat zum Ziel, Missverständnisse in der zwischenmenschlichen Kommunikation zu vermeiden. Obwohl sich diese vermutlich nie restlos beheben lassen werden …

 

Eigene Bedürfnisse verstehen als Grundvoraussetzung, diese richtig äußern zu können

Es gibt unzählige Modelle menschlicher Bedürfnisse, auf welche ich hier im Detail nicht eingehen möchte. Die bei den Modellen benutzten Paletten reichen dabei von physiologischen Bedürfnissen wie Hunger und Durst bis hin zu psychologischen Bedürfnissen wie persönliches Leistungsstreben. Am bekanntesten ist dabei das Bedürfnismodell des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow:
 

Bedürfnisse nach Maslow: Die Bedürfnispyramide

 
Es gibt unter anderem das Bedürfnis nach

  • Sicherheit
  • Übereinstimmung
  • Bewegung
  • Gemeinschaft
  • Entspannung
  • Freundschaft
  • Struktur
  • Ordnung
  • Liebe
  • Einfachheit
  • Harmonie
  • Sinn
  • Entwicklung
  • und viele weitere.

 
Mit dieser kleinen Aufzählung will ich lediglich darauf aufmerksam machen, dass vieles ein Bedürfnis darstellen kann, was sich mit einem einzigen Modell natürlich nicht vollständig abbilden lässt.

Für den folgenden Kontext ist eher wichtig, dass es sich bei einem Bedürfnis um etwas handelt, was menschliches Verhalten motiviert. (Klicke hier, um unseren kostenlosen Motivationstest zu machen und herauszufinden, was Dich motiviert).

Auch wird durch die obige Aufzählung deutlich, dass Bedürfnisse teilweise etwas abstrakt und nicht unbedingt offensichtlich sind. Warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten, kann man oft nur erahnen.

Damit wir aber aus den Hypothesen rauskommen, lass uns darauf schauen, wie man, vor allem in Beziehungen, seine Bedürfnisse verständlich mitteilen kann.

 

Bedürfnisse kommunizieren in der Beziehung: Das Eisbergmodell

Bedürfnisse liegen meistens verborgen unter der Oberfläche. Genau aus diesem Grund sprechen Verhaltensforscher auch oft von Eisbergmodellen. Weil tiefer liegendes, wie bei einem Eisberg, nicht sichtbar ist.

Um Kommunikation in der Beziehung besser zu verstehen und Bedürfnisse äußern zu können, vor allem wenn es mal nicht rund läuft, eignet sich das Bild des doppelten Eisbergs hervorragend:

Kommunikation in der Beziehung - Doppelter Eisberg

Jeder Eisberg steht dabei für einen Interaktionspartner mit all seinen Merkmalen und Eigenschaften. Um es noch einfacher zu formulieren: Du bist der blaue Eisberg und Deine Partnerin der rosane (oder, falls Du eine Frau bist, darfst auch Du natürlich gerne der blaue sein und Dein Partner der rosane, völlig genderneutral 😀 ).

 

„über der Wasseroberfläche“

Die Teile über der Wasseroberfläche symbolisieren sichtbares Verhalten und offen vertretene Positionen.

Hier überschneiden sich die Eisberge nicht. Denn im Konfliktfall vertritt jeder seine Meinung und ist nicht wirklich zu Zugeständnissen bereit. Es gibt hier keine Gemeinsamkeiten bzw. Kompromiss-Spielräume. Der Konflikt ist ja bereits entbrannt und die Positionen meist verhärtet.

 

„unter der Wasseroberfläche“

Unter der Wasseroberfläche sieht das Ganze jedoch anders aus. Hier lassen sich die Hintergründe des Konfliktes finden. Es gibt zwar auch hier Trennendes, also Bedürfnisse und Ansichten, die euch unterscheiden, jedoch auch eine große Schnittmenge. In dieser Schnittmenge der beiden Eisberge liegen die Gemeinsamkeiten. Diese können beispielsweise gemeinsame Bedürfnisse, Gefühle, Wertvorstellungen, Ängste etc. widerspiegeln.

Gelingt es Dir, Deine Bedürfnisse mitteilen zu können und die Gemeinsamkeiten unter der Oberfläche herauszuarbeiten, bist Du der Lösung des Konfliktes einen großen Schritt näher gekommen.

 

Kommunikation in der Beziehung verbessern: Bedürfnisse richtig kommunizieren

Die Beweggründe des Verhaltens Deiner Partnerin liegen meistens also vorerst im Verborgenen. Um diese besser zu verstehen, tust Du gut daran, Deine eigenen Bedürfnisse richtig zu kommunizieren und Deine Wünsche zu äußern.

Wenn Du den ersten Schritt machst und Deine Position richtig kommunizierst, d. h. Deinem Gegenüber die Hintergründe und wichtige Bedürfnisse Deiner Position erklärst, wird es Deine Partnerin bzw. Dein Partner Dir im Normalfall gleichtun. So kannst Du erkennen, an welchen Stellen Potenziale für eine Lösung oder einen Kompromiss existieren.

Etabliert hat sich hierbei der Prozess der „gewaltfreien Kommunikation“ von Marshall B. Rosenberg. Den Prozess, sich mitzuteilen, hat Rosenberg in vier Komponenten zerlegt (hier findest Du das extrem lesenswerte Buch dazu):

Gewaltfreie Kommunikation Amazon
  • Beobachtungen beschreiben
  • Gefühle mitteilen
  • Bedürfnisse kommunizieren
  • Bitten / Wunsch äußern

 

1) Beobachtungen

Als ersten Schritt für eine gelungene Kommunikation in der Beziehung gibst Du objektiv wieder, was in einer strittigen Situation tatsächlich geschehen ist:

  • Was genau ist vorgefallen?
  • Welches konkrete Verhalten konntest Du beobachten?
  • Was wurde gesagt?
  • Was wurde gemacht?

 
Dieser Schritt ist dabei analog zum ersten Schritt aus dem Teufelskreis-Modell (Details hierzu hinter diesem Link). Mit dem Unterschied, dass es hier nicht nur um das Verhalten Deiner Partnerin / Deines Partners geht, sondern um die gesamte Situation. Also euer beider Verhalten.

Wie beim Teufelskreis-Modell gilt es auch hier, komplett sachlich zu bleiben!

„Du hast Dich abweisend verhalten, weil Du emotional kalt bist!“

 
ist dabei nicht sachlich. Sondern eine Wertung und eine Interpretation.

Versuche, komplett auf Erklärungen zu verzichten. Schildere stattdessen einfach nur die tatsächlichen Fakten der Situation:

„Als wir gestern über xy gesprochen haben, hast Du zuerst Deine Arme verschränkt und dann wortlos das Zimmer verlassen.“

 
Das würde beispielsweise auch ein dritter, unbeteiligter Beobachter so wahrnehmen, der die Szene zufällig mitbeobachtet hat. Lass also jegliche Interpretation, Beurteilung und Bewertung weg!

 

2) Gefühle

Nachdem Du die Situation geschildert hast, kannst Du mitteilen, was die beschriebene Situation in Dir ausgelöst hat.

Höre auf Dein Inneres und nehme wahr, was dort geschieht. Teile es dann so offen und ehrlich wie nur möglich mit!

Beispielsweise:

„Als Du die Arme verschränkt hast, kam mir das so vor, als blockst Du mich ab. Das hat mich verunsichert und verärgert. Als Du dann herrausgegangen bist, war ich irritiert und traurig.“

 

Der Zugang zu eigenen Gefühlen fällt vielen Menschen erfahrungsgemäß schwer. Wenn Du hier noch etwas Nachhilfe brauchst, so lies Dir auch den Blogbeitrag zum Mitteilen von Gefühlen durch.

 

Kommunikation in der Beziehung 3) Bedürfnisse mitteilen

In diesem Schritt sagst Du, welche Deiner Bedürfnisse hinter Deinen Gefühlen stehen.

Zugegebenermaßen ist es nicht immer einfach, die eigenen Gefühle richtig zu benennen und einzuordnen. Die dahinter liegenden Bedürfnisse richtig zu erkennen, ist teilweise sogar noch etwas schwieriger.

Entschleunigung ist hier der Schlüssel. Hör genau hin und versuche zu verstehen, was Dir wichtig ist. Und was die Gründe für Deine Gefühle und Dein Verhalten sind.

In der Beispielsituation könnten Deine Bedürfnisse z. B. folgendermaßen lauten:

„Mir liegt viel daran, dass Du mich verstehst und meine Meinung respektierst. Mir ist ebenfalls wichtig, dass ich mich Dir mitteilen kann. Und die Situation trotzdem entspannt bleibt, auch wenn wir mal nicht einer Meinung sind.“

 

Hier kommunizierst Du also Dein Bedürfnis, verstanden zu werden. Und auch Deine Bedürfnisse nach Akzeptanz, Austausch und Harmonie.

Natürlich reicht es, wenn Du vorerst auch nur ein Bedürfnis kommunizierst. Wie z. B. das Bedürfnis nach einem offenen Austausch.

Eigene Bedürfnisse mitteilen führt dazu, dass Dein Gegenüber nun weniger Interpretationsspielraum hat. Weil nun nachvollziehbar ist, was die Auslöser für Deine Gefühle und Verhaltensweisen sind.

 

4) Bitten

Abschließend kommt noch Dein Appell: Was wünschst Du Dir in Zukunft von Deinem Gegenüber? Was kann sie bzw. er konkret tun oder lassen, um bei der Erfüllung Deiner Bedürfnisse mitzuhelfen?

„Beim nächsten Mal fände ich es schön, wenn Du Dir meine Ausführung bis zum Schluss anhörst. Und anschließend Deine Meinung dazu kundtust.“

 

Warum die gewaltfreie Kommunikation so wirkungsvoll ist

Drückst Du Dich derart klar aus, versteht Deine Partnerin / Dein Partner Deine Beweggründe und Deine (nicht erfüllten) Bedürfnisse viel besser.

Ein netter Nebeneffekt ist, dass ein derart vorgebrachter Wunsch nicht auf technischen Widerstand trifft:

  • Im ersten Punkt schilderst Du objektive Fakten und Beobachtungen. Welche – wenn Du nicht gerade eine Verzerrung in Deiner Wahrnehmung hast – nicht widerlegbar sind. Du machst ja keine Vorwürfe und bleibst sachlich.
  • Im zweiten und dritten Punkt schilderst Du Teile Deiner subjektiven Realität, welche auch nicht angreifbar sind. So hast Du Dich nun mal gefühlt und das sind nun mal Deine Bedürfnisse. Das ist gut und richtig so und ein Teil von Dir! Auch dagegen ist es schwer, Gegenargumente anzubringen.
  • Im vierten Teil äußerst Du lediglich einen Wunsch: Dein offen gelegtes Innenleben sollte dazu führen, dass Dein Gegenüber die Beweggründe Deiner Bitte und somit auch Deine Bitte selbst besser nachvollziehen kann.

 
Damit verbesserst Du nachhaltig die Kommunikation in der Beziehung, weil Du Dich nun klarer mitteilst und insbesondere Deine Bedürfnisse kommunizierst. Die oben besprochene Objektivität, Vorwurfsfreiheit und das Senden von Ich-Botschaften („Ich fühle mich …“, „Ich brauche …“, „Mir ist wichtig, dass …“) ist auch der Grund, warum das Modell „gewaltfreie“ Kommunikation heißt: Du bist in Deinen Äußerungen bei Dir und verletzt insbesondere den anderen nicht durch Anschuldigungen oder ähnlichem.
 
Kommunikation in der Beziehung
 

Deine Offenheit öffnet Deinen Gegenüber

Da Du Deinem Partner bzw. Deiner Partnerin nun einen Einblick in die Hintergründe Deiner Position gegeben hast, wird er/sie vermutlich bemüht sein, auch seine/ihre Sicht der Dinge zu schildern. Inklusive der Gefühle und Bedürfnisse sowie einer Bitte(n) an Dich.

Durch diesen Kommunikationsfluss könnt ihr beide nun herausarbeiten, was ihr beide fühlt und braucht. Um so wieder Verständnis und Harmonie in eure Beziehung einfließen zu lassen.

Um im Modell der Eisberge zu bleiben, wagt ihr beide Tauchgänge unter die Wasseroberfläche. Damit ihr erkundet, was sich dort befindet. Dies schafft Klarheit und führt zu einem ehrlichen Austausch und einer offenen Kommunikation in der Beziehung.

Weitere Tipps für eine gelungene Kommunikation in der Beziehung bekommst Du im Artikel „Gefühle richtig kommunizieren“. Und hier kannst Du nochmal alles zu den fünf Sprachen der Liebe nachlesen. Weitere Artikel findest Du bei unserem Partner „LiebesMeer“.

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(Quellen: „Mediation – das Praxisbuch: Denkmodelle, Methoden und Beispiele“ von Silke Freitag und Jens Richter und „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“ von Marshall B. Rosenberg)


Gregor Wojtowicz Profilbild
Veröffentlicht von Gregor Wojtowicz am
Coach bei Quality - Lifestyle

Gregor Wojtowicz ist Master der Wirtschaftspsychologie (M.Sc.) und Diplom Wirtschaftsmathematiker. Er arbeitet als Unternehmensberater, Führungskräftetrainer und systemischer Business Coach für international tätige Unternehmen sowie als Personal und Life Coach mit Privatpersonen. Seine Themenschwerpunkte liegen in den Bereichen Psychologie, Coaching, Persönlichkeitsentwicklung, Führungskräfteentwicklung und Kommunikation.